Engagement für Wandel oder Wohltätigkeit – gemeinnützig ist beides

Der Furtwangener Soziologieprofessor Stefan Selke kritisiert in der Stuttgarter Zeitung vom 5. Juli 2016 die zunehmende öffentliche Engagementförderung. Durch das Fördersystem entstehe ein Druck zum Engagement, das letztlich staatliche Daseinsvorsorge ersetze. Das Engagement werde gesteuert und verfalle einer „makrtartigen Logik“. Er kritisiert insbesondere, „dass mit dem bürgerschaftlichen Engagement oftmals gesellschaftliche Verhältnisse vernachlässigt werden, die eigentlich politisch bearbeitet werden müssten.“ Die Politik suggeriere, dass sich Probleme lösen lassen, indem man sie dem lokalen Engagement von Freiwilligen anvertraut.

Dabei bezieht Selke sich offenbar nur auf den wohltätigen Bereich ehrenamtlichen Engagements und nicht auf den, der für gesellschaftlichen Wandel streitet. Dieses Engagement findet ehrenamtlich in Parteien und Kommunalparlamenten statt, aber auch vielfältig in zivilgesellschaftlichen Organisationen. Dass auch dort Politik beeinflusst wird, ist manchen ein Dorn im Auge. Unter anderem deshalb kommt es zu Konflikten um die Gemeinnützigkeit von Organisationen, die eher für Change als für Charity arbeiten. Anderen ist schlicht nicht bewusst, dass sich viele Bürgerinnen und Bürger außerhalb von Parteien selbstlos und für das Gemeinwohl politisch engagieren. Motivation ist dann oft, an die Ursachen von Problemen zu gehen statt sie so abzumildern, dass die Ungerechtigkeit nicht sichtbar wird und weiterhin einige davon profitieren können.

Selke ist bekannt für seine Kritik an den Tafeln, da dort ein gesellschaftliches Problem abgemildert anstatt gelöst werde.

Danke an den Lesehinweis an die Stiftung Aktive Bürgerschaft, die in ihrem heutigen Newsletter auch auf eine interessante Untersuchung der Engagementstrategie der Bundesregierung hinweist.  Die Untersuchung stelle fest, dass unklar sei, „mit welcher politischen Macht und welcher Strategie das BMFSFJ Engagementpolitik im Wettbewerb mit anderen Bundesministerien formulieren und durchsetzen will“. Diese Reibung zeigt sich übrigens derzeit in der Aushandlung der Antwort auf die Große Anfrage der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen zu Gemeinnützigkeit.