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Themendossier Politische Bildung (Sommer 2022)

Die Bundesfinanzhof-Definition und ihre Probleme für zivilgesellschaftliches Engagement

Politische Bildung vollzieht sich in geistiger Offenheit. Sie ist nicht förderbar, wenn sie eingesetzt wird, um die politische Willensbildung und die öffentliche Meinung im Sinne eigener Auffassungen zu beeinflussen.”
Leitsatz 3 aus dem Attac-Urteil des Bundesfinanzhofes (BFH)

Der BFH hat in seinem Attac-Urteil festgelegt, dass politische Bildung in geistiger Offenheit stattfinden müsse. Damit hat der BFH den Zweck der “politischen Bildung” stark eingeschränkt und der Arbeit vieler gesellschaftlich arbeitender, gemeinnütziger Organisationen die rechtliche Grundlage entzogen. Das führt dazu, dass viele Organisationen nun davon bedroht sind, ihren Status der Gemeinnützigkeit zu verlieren und ihre selbstlose und gemeinwohlorientierte Arbeit aufgeben zu müssen.

Die Finanzministerien von Bund und Ländern haben im Januar 2022 die Aussagen des BFH ohne weitere Erläuterungen und Ergänzungen in den Anwendungserlass zur Abgabenordnung (AEAO) übernommen. Damit sind die Finanzämter angewiesen, das Gesetz auf diese Weise auszulegen. Die Ministerien haben damit die Chance verpasst, eine moderne Definition von politischer Bildung einzuspeisen. Sie übersehen außerdem, dass eine andere Bundesbehörde, die Bundeszentrale für politische Bildung, in ihrer “Förderrichtlinie zur Anerkennung und Förderung von Veranstaltungen der politischen Bildung” (siehe unten).

Mit ausdrücklichem Bezug auf das Attac-Urteil drohte das zuständige Finanzamt bereits im Juni 2019 dem kleinen ehrenamtlich geführten Verein DemoZ die Aberkennung der Gemeinnützigkeit an. Der Verein betreibt ein soziokulturelles Zentrum. Seine Satzung ist wegen Förderung der Bildung und der Kultur als gemeinnützig anerkannt. Das Finanzamt wirft dem Verein vor, eine politische Haltung zu haben, etwa für eine hierarchiefreie Gesellschaft. Deshalb sei wahrer Zweck seiner Bildungs- und Kulturveranstaltungen, „die öffentliche Meinung im Sinne eigener Auffassungen“ zu beeinflussen. Der Verein betreibe “politische Willensbildung” nicht in „geistiger Offenheit“ – hier verwechselt das Finanzamt offenbar politische Bildung und politische Willensbildung.

Die Allianz “Rechtssicherheit für politische Willensbildung” fordert Klarstellungen zum Zweck der politischen Bildung. Sie unterstützt den Vorschlag der Gesellschaft für Freiheitsrechte, deren Definition von politischer Bildung in Ziffer 24 des Demokratiestärkungsgesetzes (DemoStärkG) der einschränkenden Interpretation durch das Attac-Urteil entgegenwirkt. Dieser Vorschlag kann eine fundierte Grundlage für einen  entsprechenden Änderungserlass der Abgabenordnung oder für einen Gesetzesentwurf sein.

Kritisch sehen das BFH-Urteil gegen Attac auch acht Verbände und Vereine der politischen Bildung, u.a. der Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten und die Amadeu Antonio Stiftung: In einem Brief an den damaligen Bundesfinanzminister Olaf Scholz fordern sie die Schaffung gesetzlicher Rahmenbedingungen, die es Vereinen und Verbänden ermöglichen, politische Bildungsarbeit zu leisten, ohne die Aberkennung ihrer Gemeinnützigkeit befürchten zu müssen.

Gründe für ein modernes Konzept politischer Bildung

Die Vorsitzenden des Bundesjugendrings (DBJR) erklären in einem Beitrag, dass Kinder- und Jugendhilfe politisch ist. Jugendverbände seien demokratische Formen der Selbstorganisation und Interessenvertretung junger Menschen. Als Teil der Zivilgesellschaft wirken Jugendverbände und Jugendringe selbstverständlich und aktiv mit an der gesellschaftlichen Willensbildung und Entscheidungsfindung.

Der Bundesverband der freien Alternativschulen (BFAS) bekräftigt und ergänzt seine Erklärung #BildungIstPolitisch: “Als Mitgliedsschulen des BFAS sind für uns die Individualität und die Würde jedes Menschen, der Anspruch auf eine selbstbestimmte Zukunft und gleiche Rechte Ausgangspunkte unserer Arbeit. Diese Haltung bestimmt unseren Blick auf die Gesellschaft. Unser Engagement für Bildung ist ein zivilgesellschaftliches Engagement.”

Der Landesverband Niedersachsen der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung  spricht in seiner Stellungnahme von einem “Maulkorb für die demokratische Zivilgesellschaft: “Politische Bildungsarbeit ist mit dieser Praxis nicht mehr förderfähig, wenn sie dazu dient, die politische Willensbildung und die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Aber genau dies, die Wirksamkeit politischer Bildungsarbeit, ist das Ziel vieler Bildungsträger. Diese bekommen mit der aktuellen Praxis der Androhung oder des Vollzugs der Aberkennung ihrer Gemeinnützigkeit einen Maulkorb verpasst. (…) Damit würde dem gesellschaftlichen Pluralismus und der Vielfalt der Trägerlandschaft die Grundlage entzogen.”

Das Forum kritische politische Bildung verdeutlicht, dass politische Bildung notwendigerweise normativ ist und den Anspruch an “geistige Offenheit” schlicht nicht erfüllen kann: “Auch das staatliche Bildungssystem verfolgt normative Ziele, die im Bildungsprozess selten ausgewiesen werden, aber letztlich durch Grundgesetz und Landesverfassungen vorgegeben sind. Ebenso wenig ist der Katalog der Abgabenordnung völlig ‘offen’ und er kann es auch nach einer Erweiterung und Aktualisierung nicht sein, denn auch ihm liegt immer ein normatives Verständnis zu Grunde, welche Aktivitäten dem Gemeinwesen nützen und welche nicht. Den Rahmen für politische Bildungsarbeit setzen tatsächlich das Grundgesetz und zuvorderst die Grundrechte.”

In Hanau hat die Bildungsinitiative Ferhat Unvar ihre Türen eröffnet, am Geburtstag von Ferhat Unvar und anderthalb Jahre nachdem er und zehn weitere Hanauer:innen aus rassistischen Motiven ermordet wurden. Ist diese Bildung gegen Rassismus, dieses Empowerment migrantisch gelesener Personen ausreichend “geistig offen” im Sinne des Bundesfinanzhofes? Gibt es Rechtssicherheit für die Arbeit des Vereins?

Eine wissenschaftliche Befragung von Prof. Dr. Julika Bürgin (Hochschule Darmstadt, Fachbereich Soziale Arbeit) hat von April bis Ende Mai 2022 erkundet, welche Auswirkungen das Attac-Urteils des Bundesfinanzhofs und die darauf fußenden Änderungen des Anwendungserlasses zur Abgabenordnung (AEAO) auf die politische Bildungsarbeit in der Bildungspraxis haben. Die Ergebnisse und Infos zur Ergebnisse finden sich hier. Zusammengefasst lässt sich erkennen, dass es bei Akteur:innen der politischen Bildung bezüglich Gemeinnützigkeit viele Sorgen gibt; bspw. dass Organisationen je nach Ziel/Zusammensetzung durch die Finanzämter verschieden behandelt werden. Falls es Auseinandersetzungen um die Gemeinnützigkeit gibt, fehlen vielen die Ressourcen für einen Streit, so dass sie noch vor Gerichtsverfahren aufgeben würden. Daraus ergibt sich aus unserer Sicht, dass es Änderungen am Gemeinnützigkeitsrecht braucht, um Demokratie zu fördern und Engagement dafür zu schaffen.

Neutralitätsgebot und politische Bildung – ein Missverständnis mit demokratieschädlicher Wirkung

In dem nicht näher bestimmten Begriff der “geistigen Offenheit” als Bedingung politischer Bildung wird häufig impliziert, dass politische Bildung neutral sein müsse. Dies nutzen besonders AfD-Fraktionen auf Landes- oder Bundesebene, um Anträge zum Entzug der Gemeinnützigkeit gegen solche Vereine zu stellen, die Bildungsarbeit gegen Rassismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit betreiben. Julika Bürgin, Professorin am Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt, kommt in ihrer Untersuchung “Extremismusprävention als polizeiliche Ordnung” (Weinheim 2021, S. 109) zu dem Schluss: “Steuerlich belohnt werden politische Zurückhaltung, Konformismus und politische Abstinenz, was nicht unpolitisch ist, sondern das Bestehende stützt. Vereine, die – ganz im Sinne des Demokratieprinzips – gemeinnützige gesellschaftliche und politische Veränderungen anstrengen, sind behindert oder sogar in ihrer Existenz bedroht.” Ihre Abhandlung ist hier kostenfrei zugänglich.

Barbara Menke, Vorstandsvorsitzende des Bundesausschusses Politische Bildung (BAP), meint in einer Stellungnahme zum 16. Kinder- und Jugendbericht: Angesichts anhaltendes Megatrends wie Klimawandel, Pandemiegefahr, Globalisierung etc. müsse politische Bildung über ihre Möglichkeiten hinausgehen und könne nicht neutral sein. Qualifizierte politische Bildung müsse rechtlich und finanziell abgesichert sein. (Nachzulesen in Journal für Politische Bildung, 3/2021, S. 20-26)

Eine umfassende Broschüre zum Thema “Neutralitätsgebot in der Bildung” (2019) legt das Deutsche Institut für Menschenrechte vor. Hendrik Cremer legt dar, dass die Grund­- und Menschenrechte einen zentralen rechtlichen Maßstab für die schulische und außerschulische
Bildung darstellen. Zwar seien das Gebot der Kon­troversität in der Bildung und das parteipoli­tische Neutralitätsgebot des Staates gemäß Artikel 21 Grundgesetz zu beachten. Aus diesen ließe sich jedoch nicht ableiten, dass von Par­teien eingenommene rassistische oder andere antidemokratischen Positionen als gleichberechtigte legitime politische Positionen darzustellen seien.

Vorschlag der Allianz zur Definition von “politischer Bildung”

“Ein zeitgemäßes Verständnis von politischer Bildung umfasst die Förderung von politischer Handlungsfähigkeit und von partizipativem gesellschaftspolitischen Handeln – also die Befähigung der Bürger*innen zur Bildung einer politischen Haltung und zur wirksamen Beteiligung an aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten. Für eine funktionierende Demokratie ist es notwendig, ein modernes Verständnis von politischer Bildung zugrunde zu legen. So sind neben dem Fachwissen etwa auch die politische Urteils- und Handlungsfähigkeit sowie die Einnahme einer politischen Haltung wesentliche Elemente der politischen Bildungsarbeit. Dies umfasst auch eine gesellschaftskritische und intervenierende Auseinandersetzung, die Artikulation von erkennbar normativen politischen Positionen und eine pluralistische Bildungslandschaft, in der die spezifischen und vielfältigen weltanschaulichen und religiösen Positionen und Werte ihren Platz finden.

Den normativen Rahmen für die politische Bildung bildet die verfassungsmäßige Ordnung des Grundgesetzes, insbesondere die Grundrechte. Daher ist Kritik beispielsweise an der Struktur oder dem Zustand staatlicher Institutionen oder an der Wirtschaftsordnung erlaubt. Konzepte, die sich auf die Ungleichbehandlung von Menschen stützen, widersprechen hingegen klar Artikel 1 und 3 des Grundgesetzes. Daher ist beispielsweise auch der Ausschluss von Personen, die offen rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Bestrebungen verfolgen, nicht schädlich für die Gemeinnützigkeit.”

Diese Definition folgt einer Formulierung der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) in ihrem Entwurf eines Demokratiestärkungsgesetzes von 2021.

Weitere Definitionen “politischer Bildung”

Bundeszentrale für politische Bildung

Die Bundeszentrale für politische Bildung liefert in ihrer Förderrichtlinie zur Anerkennung und Förderung von Veranstaltungen der politischen Bildung (II 1.1 – Gegenstand der Förderung) diese Definition von politischer Bildung:

“Politische Bildung hat Kenntnisse über Gesellschaft und Staat, europäische und internationale Politik, einschließlich der politisch und sozial bedeutsamen Entwicklungen in Kultur, Wirtschaft, Technik und Wissenschaft zu vermitteln. Sie hat die Urteilsbildung über gesellschaftliche und politische Vorgänge und Konflikte zu ermöglichen, zur Wahrnehmung eigener Rechte und Interessen zu befähigen und zur Beachtung der Pflichten und Verantwortlichkeiten gegenüber Mitmenschen, Gesellschaft und Umwelt, sowie zur Mitwirkung an der Gestaltung einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschafts- und Staatsordnung anzuregen.”

Auf ihrer Website schreibt die Bundeszentrale:

“Politische Bildung initiiert und organisiert Bildungsprozesse, in denen es darum geht, unser individuelles Verhältnis zum Politischen zu bestimmen. Ihr liegt die Annahme zugrunde, dass Demokratinnen und Demokraten nicht einfach geboren werden, Demokratie vielmehr von Generation zu Generation neu erlernt werden muss. Politische Bildung ist allerdings nur eine Instanz politischer Sozialisation neben anderen. Sie steht in Konkurrenz zu weiteren Einflussfaktoren oder wirkt mit diesen zusammen. Etwa formen auch Medien, Parteien und das direkte soziale Umfeld die politischen Einstellungen und Entscheidungen jedes Einzelnen.”

“Charta zur Politischen Bildung und Menschenrechtsbildung” des Europarats (2010)

“Im Sinne dieser Charta bedeutet […] ‚Politische Bildung‘ Bildung, Ausbildung, Bewusstseinsbildung, Information, Praktiken und Aktivitäten, deren Ziel es ist, Lernende durch die Vermittlung von Wissen, Kompetenzen und Verständnis sowie der Entwicklung ihrer Einstellungen und ihres Verhaltens zu befähigen, ihre demokratischen Rechte und Pflichten in der Gesellschaft wahrzunehmen und zu verteidigen, den Wert von Vielfalt zu schätzen und im demokratischen Leben eine aktive Rolle zu übernehmen, in der Absicht, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu fördern und zu bewahren.”
https://rm.coe.int/1680489411

16. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung

Im 16. Kinder- und Jugendbericht zum Thema „Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter“, vorgelegt am 11.11.2020, greifen die Sachverständigen die Probleme der politischen Bildung im Gemeinnützigkeitsrecht auf. Sie erklären, dass Bildung nicht neutral sein kann. Eine auf Demokratie und Menschenrechte gründende politische Bildung sei unverzichtbar. Jugendliche Protestkultur und selbstorganisierte Bewegung seien essentiell für eine funktionierende Demokratie. Sie schreiben unter anderem:

  • “Demokratische Bildung – so scheint es – könnte in diesem Sinne als eine Bildung verstanden werden, die über formale Bildungsangebote hinausweist und sich normativ dabei vermeintlich direkter oder unmittelbarer an den in der Verfassung verankerten demokratischen Werten orientiert, während politische Bildung eher gegenstandsbezogen auf die Vermittlung von politischem Wissen gerichtet wäre, institutionell und pädagogisch klarer konturiert und vermeintlich neutral erscheinen könnte. Das ist bei genauerer Betrachtung der Zusammenhänge allerdings nicht der Fall.” (Seite 119)
  • “Entsprechend des Berichtsauftrages geht die Kommission von einem mehrdimensionalen Verständnis politischer Bildung aus, die im Sinne der Charta des Europarates und einer KMK-Empfehlung ‘Demokratie als Ziel, Gegenstand und Praxis’ von Bildung und Erziehung versteht. ‘Demokratie als dynamische und ständige Gestaltungsaufgabe’ setzt Bildungsprozesse für eine demokratische Bürgerinnen- und Bürgerschaft voraus. Diese Bildungsprozesse werden in der Bundesrepublik üblicherweise als politische Bildung bezeichnet. Damit unterscheidet sich die Begriffsverwendung leicht von der im internationalen Bereich. Denn wird im internationalen Kontext von ‘Education for Democratic Citizenship’, ‘Citizenship Education’ oder ‘Civic Education’ gesprochen (franz. ‘Éducation à la citoyenneté démocratique’, ‘Éducation civique’), entspricht dieses breite Verständnis von politischer Demokratiebildung im deutschen Sprachraum der vielfältigen Praxis und den Professionsfeldern ‘Politischer Bildung’.” (Seite 128)

Weitere Veröffentlichungen

…im Zusammenhang mit “Politischer Bildung”:

26.2.: Finanzgericht Hessen verhandelt erneut Gemeinnützigkeit von Attac

Exakt ein Jahr, nachdem der Bundesfinanzhof (BFH) sein Attac-Urteil veröffentlichte, verhandelt am Mittwoch, 26. Februar, das Hessische Finanzgericht in Kassel erneut über die Gemeinnützigkeit von Attac. Denn das Verfahren war mit dem BFH-Urteil nicht abgeschlossen. Attac befindet sich nun seit sechs Jahren in einem unklaren Zustand. Die grundsätzliche Entscheidung zur Gemeinnützigkeit hatte große Verunsicherung in zivilgesellschaftlichen Organisationen verursacht und hektische, aber bisher ergebnislose Aktivitäten in Parteien und Regierungen ausgelöst. Weiterlesen

Analyse des Attac-Urteils

Das Attac-Urteil des Bundesfinanzhofes (BFH) betrifft tausende Stiftungen und Verei­ne. Es ist ein wenig hilfreiches Urteil: Es bildet nicht die gesellschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte ab. Der BFH argumentiert an einigen Stellen wenig über­zeugend. Einige Schlüsse werden gar nicht begründet. Die Richter*innen haben die Chance verpasst, den Begriff des politischen Engagements neu zu definieren und frü­here verwirrende BFH-Aussagen zu politischen Zwecken zu korrigieren. Stattdessen haben sie sich auf BFH- und Verfassungsgerichts-Urteile zum Parteienrecht aus den 1960-er und 1980-er Jahren zurückgezogen.

Das Urteil im Fall Attac hat zwei Ebenen. Auf einer Meta-Ebene, auch zwischen den Zeilen, erklärt es politische Einmischung als etwas, was nicht zur Gemeinnützigkeit gehört, was nur ausnahmsweise zulässig ist. Damit wirkt das Urteil entpolitisierend und begrenzend. Die Richter*innen unterstellen, dass eine politische Einmischung stets mit einer Partei verbunden sei. Auf einer konkreten Ebene wird der gemeinnützi­ge Zweck der (politischen) Bildung sehr einschränkend interpretiert. Diese Beschrän­kung betrifft nicht alle Zwecke. Weiterlesen

Bundestag muss neue Zwecke ins Gesetz schreiben

Pressestatement der Allianz “Rechtssicherheit für politische Willensbildung” e.V. zur BFH-Entscheidung im Fall Attac

Zum heute vom Bundesfinanzhof bekanntgegebenen Urteil zur Gemeinnützigkeit von Attac erklärt Stefan Diefenbach-Trommer, Vorstand der Allianz “Rechtssicherheit für politische Willensbildung”, einem Zusammenschluss von mehr als 80 Vereinen und Stiftungen:

“Der Bundestag muss den Handlungsspielraum zivilgesellschaftlicher Organisationen sichern und zügig neue gemeinnützige Zwecke ins Gesetz schreiben. Menschen schließen sich zusammen, um sich selbstlos außerhalb von Parteien und Profitinteresse für Demokratie und Gesellschaft zu engagieren. Dieses Engagement für Umweltschutz oder Gerechtigkeit mag manchmal nerven, aber führt zu besseren Entscheidungen, weil dadurch sonst ungehörte Stimmen in die politische Willensbildung einfließen. Weiterlesen

BFH: Attac-Verfahren geht ins fünfte Jahr

Vor mehr als einem Jahr hatte das Hessische Finanzgericht Attac für gemeinnützig erklärt. Nun hat der Bundesfinanzhof (BFH) der Beschwerde des Finanzamtes stattgegeben. Dies bedeutet, dass ein Revisionsverfahren stattfindet und Attac weiterhin nicht rechtskräftig als gemeinnützig anerkannt ist. BFH-Revisionen dauern durchschnittlich 18 Monate. Die Auseinandersetzung um die Gemeinnützigkeit von Attac geht damit ins fünfte Jahr.

Den Schaden haben vor allem die Mitglieder und Unterstützer des globalisierungskritischen Netzwerks, die ihre selbstlosen Spenden nicht von der Steuer absetzen können – anders als politisch wirksame Beiträge an Parteien, Gewerkschaften oder Berufsverbände wie den Bundesverband der Deutschen Industrie. Auch andere gemeinnützige Organisationen nehmen selbstverständlich steuerbegünstigt Einfluss auf die politische Willensbildung, zum Beispiel die “Stiftung Familienunternehmen”. Weiterlesen

Über den Unterschied zwischen politischer Bildung und politischer Willensbildung

Warum soll der Bundesfinanzhof das Gemeinnützigkeits-Urteil zugunsten von Attac in einer Revision verhandeln? Die im Juli 2017 vorgelegte Begründung dafür gleicht einem Orakel, das sehr interpretationsbedürftig ist. Dies fängt an bei der unklaren Autorenschaft: Wurden die 13 Seiten im Finanzamt Frankfurt geschrieben oder im Bundesfinanzministerium? Wir gehen mal vom Ministerium aus, da es im Mai 2017 angeordnet hatte, die Beschwerde einzulegen.
Postuliert hatte das Ministerium damals, dass es um die Abgrenzung von allgemeinpolitischer zu gemeinnütziger Betätigung gehe, schreibt u.a. die Hessische Landesregierung in einer Antwort auf eine kleine Anfrage im Landtag (Drucksache 19/5098 vom 31. Juli 2017). Doch in der eingereichten Begründung geht es letztlich nur um Möglichkeiten und Grenzen politischer Bildung (als Unterpunkt des gemeinnützigen Zwecks “Volksbildung”) sowie um die Frage, ob in Satzungen die Zwecke wörtlich aus dem Gesetz abgeschrieben werden müssen. Es geht überraschenderweise überhaupt nicht um die Auslegung des Zwecks “Förderung des demokratischen Staatswesens”, der eine wichtige Grundlage des Urteils ist, das mit der Beschwerde angegriffen wird.

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